Deutschland, deine Trümmer.

Derzeit findet man im Kölner Hauptbahnhof – also nur ein paar hundert Meter von den Domplatten entfernt, an denen Walter Herrmann u.a. das alte antisemitische Märchen vom Kinderblut trinkenden Juden wieder aufwärmt und als Kritik an Israel bezeichnet – die Kölner Friedenskrippe.
Diese stellt in Miniaturform die Kölner Altstadt im Jahre 1946 dar, oder viel eher das, was damals von der Altstadt übrig blieb.
Zwischen den Miniaturruinen aus Holz und Pappe, welche aus Liebe zum Detail u.a mit Aufrufen zur Beteiligung am Volkssturm versehen sind, befindet sich auch das Bauskelett der Groß St. Martin Kirche, in dessen Turmruinen die „heilige Familie“, also Maria und Josef samt dem neugeborenen Jesus, Zuflucht gefunden hat.

Im Informationstext zur Friedenskrippe heißt es unter anderem:

Seit dem ersten Aufbau im Jahr 2005 gehört die sogenannte „Friedenskrippe“ mit ihrer Darstellung von Christi Geburt in dem nachkriegszerstörten Köln im Jahr 1946 zu den beliebtesten Krippen im Kölner Krippenweg.

Beim ersten Aufstellen im Jahr 2005 weckte die Trümmerlandschaft bei vielen Betrachtern Erinnerungen und Emotionen an das eigene Erleben des Krieges und die Entbehrungen der Nachkriegszeit. Sie soll daran erinnern und den jungen Menschen von den Erfahrungen der Eltern und Großeltern erzählen. Das Thema „Krieg und Zerstörung“ appelliert eindrücklich an die Bedeutung der weihnachtlichen Friedensbotschaft. Genau wie vor 2.000 Jahren kommt Jesus Christus nicht in einer heimeligen Idylle zur Welt, sondern in einem zerrissenen, von Not, Armut und Leid geprägtem Umfeld. Er ist der Friedensfürst, der die Menschen von ihren Sünden erlöst. Im Lukas-Evangelium verkünden die Engel den Hirten die frohe Botschaft: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden für die Menschen, die guten Willens sind.“ So möchte die Krippe auch als ein aktueller Appell für den Frieden verstanden werden, der für Bethlehem, Köln und jeden anderen Ort auf der Welt gilt, wo Menschen in Freiheit und Würde miteinander leben möchten.

Es ist nichts neues, dass die deutsche Erinnerungskultur gerne mal ab dem Jahr 1945 einsetzt und die Vorgeschichte, also die Zeit des Nationalsozialismus, gar nicht erst erwähnt.
Oder aber, diese Vorgeschichte wird erwähnt, dabei aber als ein Projekt einer Handvoll wahnsinniger Nazis verharmlost und der Großteil der deutschen Bevölkerung wird zu Opfern gemacht. Entweder zu Opfern der alliierten Bomberverbände, zu Opfern der Nazis oder zu beidem. Wobei der Großteil der deutschen Bevölkerung aus wahnsinnigen ProjektteilnehmerInnen, eher bekannt als deutsche TäterInnen, bestand und das Projekt Volksgemeinschaft hieß.
Auf die Kölner Friedenskrippe trifft nun ersteres zu, während letzteres zum Beispiel gerne in Verbindung mit der Bombardierung Dresdens im 2. Weltkrieg benutzt wird. So findet man auf dem Dresdner Heidefriedhof ein Mahnmal gegen Krieg und Faschismus, bestehend aus 14 Stelen, welche die Namen der bekanntesten Orte tragen, an denen Menschen zu Opfern der Nazis wurden. Auch der Name Dresden befindet sich in dieser Aufreihung.

Kein Wunder also, dass die Friedenskrippe, wie sie von sich selbst behauptet, zu den beliebtesten Krippen Kölns gehört. Schließlich können sich die Kölner ZeitzeugInnen noch einmal an das Jahr 1946 und die damit verbundenen „Entbehrungen“ erinnern. Entbehrungen, die sie aus den Jahren vor 1946 nicht kannten, als der jüngste Sohn noch Geländespiele mit der Hitlerjugend machte und sein großer Bruder mit seiner Wehrmachtseinheit in Osteuropa Kriegsverbrechen beging.

Unter diesen Voraussetzungen ist es also auch nicht verwunderlich, dass es beim Appell gegen „Krieg und Zerstörung“ im Sinne der Weihnachtsbotschaft vor allem um den Appell geht, dass die Deutschen solch „Not, Armut und Leid“ nicht mehr erleiden sollten.
Wie das Leid der Deutschen unter anderem aussah, hat Saul K. Padover in seinem Buch „Lügendetektor“ wie folgt am Beispiel einer deutschen Wirtin beschrieben. Diese klagt:

Vor dem Krieg sind wir oft verreist, mein Mann und ich, wir haben Urlaub gemacht, wir haben gut gegessen und Wein getrunken […] stellen Sie sich vor, fünf Jahre ohne richtiges Vergnügen. Keine Reisen, kein anständiger Urlaub, keine Apfelsinen. Stellen Sie sich vor, kein Bohnenkaffee in diesen ganzen Jahren. Ach, was wir alles durchgemacht haben.“

Die Bedeutung der Friedensbotschaft wiederum lässt sich gerade bei jenen, die am lautesten „Nie wieder Krieg“ schreien, als Verlangen danach diagnostizieren, dass es zwischen uniformierten Soldaten keine bewaffneten Auseinandersetzungen geben sollte, die über Landesgrenzen hinausgehen. So stehen Bürgerkriege und/oder Menschenrechtsverletzungen durch totalitäre Regime in überhaupt keinem Konflikt zum Friedensverständnis derer, die entsetzt sind, wenn die israelische Armee versucht, Raketenangriffe aus dem Gazastreifen zu unterbinden, sich aber für die Terrorakte der Hamas und ihrer geistigen Brüder nicht interessieren oder sie als Verzweiflungsakt verteidigen. Womit man vom Hauptbahnhof auch wieder auf den Domplatten angekommen wäre.

Warum es zur Bombardierung von Köln kommen musste, genau wie zur Bombardierung von Dresden und zahlreichen anderen deutschen Städten, darüber wird kein Wort verloren. Aber vielleicht spielt es aus der Sicht der Initiatoren der Friedenskrippe auch gar keine Rolle mehr, was die Bekämpfung Nazi-Deutschlands notwendig machte. Schließlich glauben diese daran, dass Jesus Christus zur Welt gebracht wurde, damit dieser alle Menschen und in erster Linie die deutschen TäterInnen von ihren Sünden erlöst.

Der Höhepunkt der Perversität erreicht die Friedenskrippe aber dadurch, dass sie eine jüdische Familie, was die „heilige Familie“ nun einmal ist, in das zerstörte Köln stellt und sie als genauso vom alliierten Kampf gegen Nazideutschland betroffen darstellt wie den an den Endsieg glaubenden Großteil der deutschen Bevölkerung. Doch während die Kapitulation Nazideutschlands für die Deutschen eine unvorstellbare Schmach darstellte, über die sie sich nur hinwegtrösten konnten mit der Tatsache, dass sie zwar nicht den Krieg gewonnen, aber dafür das europäische Judentum fast vernichtet hätten, bedeutete die Niederlage Nazideutschlands für die Juden, die der deutschen Vernichtungsmaschinerie entkommen waren, erst einmal das Ende einer Zeit, in der sie permanent von Vernichtung bedroht waren.

Die Friedenskrippe zeigt, dass es in Deutschland nur Frieden gibt, wenn die Geschichte dahingehend umgeschrieben werden kann, dass auch die Deutschen im 2.Weltkrieg Opfer waren. Erst waren sie Opfer der alliierten Bomberverbände, nun sind auch sie Opfer der Nazis, denn deren Handeln war Auslöser für einen Kriegseintritt gegen Deutschland und dessen Folgen. Die Friedenskrippe thematisiert also, was in den nächsten Monaten, auf Grund des näherrückenden Jahrestages der Bombardierung Dresdens, wieder größer zelebriert werden wird.
Es werden wieder Menschenketten gebildet werden in Gedenken an die Toten der Bombardierung Dresdens und gegen diejenigen, die sich mit den toten Dresdnern identifizieren, gerade weil der Großteil derer überzeugte Nazis waren. Es werden Blumenkränze an Stelen abgelegt werden, welche u.a. die Namen Auschwitz, Buchenwald, Rotterdam, Warschau, Lidice, Oradur und Dresden tragen. Es werden unsäglich schlechte Spielfilme mit Felicitas Woll oder Veronica Ferres im Fernsehen kommen und Guido Knopp wird wieder seine unglaubhaften Zeitzeugen zu Wort kommen lassen. Und alle werden aufatmen und sich zurücklehnen können und sagen: „Ach, wir Deutsche. Wir waren auch Opfer:“